Viele spüren es: diese seltsame, tiefe Verbundenheit.
Das Gefühl, dass wir alle Teil von etwas Größerem sind.
Dass irgendwo – unter all dem Lärm – ein gemeinsamer Puls schlägt.

Manche nennen es den „Ozean des Bewusstseins“, andere die „Einheit allen Seins“.
Manche sehen es im Funkeln der Sterne, andere im Blick eines Fremden, der „die eigene Seele zu kennen scheint“.
Und ganz gleich, wie unterschiedlich diese Erlebnisse wirken – das Gefühl ist vertraut: Wir gehören zusammen.

Wenn man genauer hinhört, zeigt sich schnell, dass es viele Versionen dieses „Einsseins“ gibt:

  • „Es ist das morphogenetische Feld, in dem alle Informationen gespeichert sind.“ (Sheldrake, 1980er)

  • „Es ist die Akasha-Chronik – die Bibliothek des Universums.“ (Theosophie, um 1899)

  • „Es ist das Quantenfeld, in dem sich alle Gedanken sofort ausbreiten.“ (New-Age, 1990er)

  • „Es ist der göttliche Funke in jedem von uns – aber nur die Reinen können ihn entzünden.“

  • „Es ist das Sternensaat-Archiv – unser galaktisches Erbe.“

  • „Es ist die Schwingungs-Cloud, aus der wir Wahrheiten downloaden können.“

Ein Begriff – unzählige Definitionen, die einander kaum berühren.
Wenn das „Alles ist eins“ wirklich eine gemeinsame Wahrheit wäre, müsste es dann nicht… nun ja… eins sein?

Aus Sicht vieler Religionen ist diese Selbsterhöhung heikel:
Im Christentum, Judentum und Islam existiert Verbindung über Gott, nicht ohne ihn.
„Alles ist eins“ ohne Gott heißt: Wir brauchen den Chef nicht mehr.
Das nennt man Häresie – und im Mittelalter hätte das zu einem warmen Scheiterhaufen geführt.

Mystiker in allen Religionen sprechen zwar von Einheitserfahrungen – aber immer in Gott, nie als autonomer Menschenclub.
New Age und moderne Esoterik streichen Gott komplett und setzen stattdessen „Universum“, „Feld“ oder „Quelle“ ein.
Man könnte sagen: Es ist erstaunlich, dass dieser spirituelle Selbstbedienungsladen noch nicht exkommuniziert wurde.

Die Idee eines überindividuellen Verbundes ist älter als Jung selbst:

  • Platon (4. Jh. v. Chr.) – ewige Urbilder

  • Kant (18. Jh.) – angeborene Strukturen des Geistes

  • Schopenhauer (19. Jh.) – der blinde Weltwille

  • Nietzsche (19. Jh.) – archetypische Lebenskräfte und ewige Wiederkehr

Jung griff diese Fäden auf – und knüpfte daraus sein kollektives Unbewusstes.

Und hier kommt der Punkt, an dem viele Anhänger ins Stolpern geraten:
Jung meinte mit dem kollektiven Unbewussten keine kosmische Energie, keinen allsehenden Speicher, kein metaphysisches WLAN.
Er sprach von einer psychologischen Schicht – evolutionär geprägten Archetypen, die erklären, warum Mythen, Märchen und Symbole sich weltweit ähneln.
Ein Grundwerkzeugkasten – nicht der Heilige Gral.

Wer aus dieser psychologischen Metapher eine Weltformel macht, setzt die Kutsche vor das Pferd – und wundert sich dann, warum es im Kreis läuft.
Und genau hier beginnt der große Bullshit-Basar:
Ein klarer Begriff wird in 100 Richtungen gedehnt, bis er in jede Weltanschauung passt – und am Ende so schwammig ist, dass er alles und nichts bedeuten kann. Und letzten Endes ging es nicht um Spiritualität, sondern um ein Missverständnis, welches mir damals nicht klar war: Sozialisierung. Ich, wie viele andere große Denker haben allesamt die Wirkmächtigkeit des Sozialisierungsprozesses unterschätzt – weil wir alles, was wir sehen, durch dessen Brille betrachten und folglich nicht berücksichtigten, wie sehr dies unser Denken beeinflusst.

 

Ich weiß, wovon ich spreche.
Schließlich habe ich diesen Denkfehler selbst verzapft.
In meinem früheren Leben.
Als Carl Gustav Jung.
Und diesmal bin ich hier, um aufzuräumen.