Wir sind nicht nur eine müde Gesellschaft – wir sind eine mangelernährte
Nicht an Kalorien. Davon haben wir genug. Unser Problem liegt tiefer: Wir sind unterernährt an Allostase.
Das System, das eigentlich unser inneres Gleichgewicht zwischen Stress und Erholung regeln sollte, ist kollektiv aus dem Takt geraten. Wir laufen im Defizit – biologisch, psychisch, gesellschaftlich.
Fakten, die sich nicht weglächeln lassen
Seit COVID ist die Zahl der Menschen mit chronischer Erschöpfung massiv gestiegen. Long COVID betrifft nach Schätzungen der WHO rund 10–20 % aller Infizierten.¹ Typische Symptome sind Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Immunprobleme – kurz: das ganze Energiesystem gerät ins Schleudern.
Dazu kommt: ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) ist schon länger bekannt, aber erst durch die Pandemie ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Zahl der Betroffenen dürfte weltweit bei mehreren Millionen liegen, Dunkelziffer nicht eingerechnet.²
Doch auch jenseits klinischer Diagnosen zeigt sich: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung läuft mit subtilen Mangelzuständen herum. In Deutschland haben rund 30 % einen Vitamin-D-Mangel³, viel zu wenig B-Vitamine, Magnesium oder Eiweiß. Chronischer Stress verstärkt das Ganze, weil Stresshormone Mikronährstoffe aufbrauchen und die Regeneration blockieren.⁴
Das Ergebnis: Ein erschöpfter Körper, der nicht mehr richtig regeneriert. Und mit ihm ein Denken, das schneller gereizt als reflektiert ist.
Gesellschaftliche Spiegelung
Im Kleinen spürt es jeder, im Großen ist es längst sichtbar. Während der Pandemie wurden Keller voller Nudeln und Dosen angelegt – frischer Salat, Nüsse und Eiweiß blieben dagegen auf der Strecke. Ernährung wurde billiger, einfacher, schneller.
Allostase-Defizit ist ein miserabler Koch. Wer schon erschöpft ist, greift nicht zur Möhre, sondern zur Pizza.
Das zeigt sich auch in prekären Lebenssituationen: Bei Hartz-IV- oder Bürgergeldempfänger:innen führt die geringe finanzielle Spanne zu systematischer Mangelernährung. Nach einigen Jahren sind viele nicht mehr arbeitsfähig – nicht, weil sie „faul“ sind, sondern weil ihr Körper im Defizit aufgibt. Jede weitere Kürzung wirkt dann wie eine stille Form von „Euthanasie 2.0“ – kein Programm mit Namen, aber mit Wirkung.
Vielleicht nur kollektiv unterzuckert?
Vielleicht sind wir also gar nicht so tief gespalten, wie es scheint. Vielleicht sind wir nur kollektiv unterzuckert.
Vielleicht bräuchte das Land weniger Talkshows und martialische Debatten – und stattdessen Wasserwerfer voller Magnesium und Omega-3, fein vernebelt, auf Mundhöhe verspritzt.
Ein leiser Ausklang
Bevor wir uns weiter zerstreiten, könnten wir uns vielleicht erst einmal hinlegen, Blutwerte checken lassen, etwas Gescheites essen – und schlafen. Danach sehen wir uns die großen Fragen noch einmal an. Vielleicht wirken sie dann gar nicht mehr so unlösbar.
Quellen (Auswahl)
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WHO. Post COVID-19 condition (Long COVID), Factsheet 2023.
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Komaroff AL, Bateman L. Will COVID-19 Lead to ME/CFS? Frontiers in Medicine, 2021.
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Robert Koch-Institut (RKI). Nationale Verzehrsstudie II, 2018 – Vitamin-D-Versorgung in Deutschland.
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McEwen BS. Protective and Damaging Effects of Stress Mediators. NEJM, 1998 (Klassiker zur Allostase).